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Norman Bruderhofer:
Der Walzenwegweiser

Goldgußwalzen

Edison Goldguß-Walze, ca. 1907
Edison Goldguß-Walze, ca. 1907

Die Goldgußwalze, von anderen Herstellern auch Hartgußwalze genannt, gehört zu den am häufigsten aufzufindenden Walzentypen und wurde im Jahr 1902 durch die Edison Phonograph Company erstmalig auf den Markt gebracht. Möglich machte dies das erst kürzlich serienreife Gußverfahren zur Massenverfielfältigung vorbespielter Walzen. Bereits seit 1898 hatte Edison diese Methode für interne Vervielfältigung von Master-Walzen verwendet. Mit der Goldgußwalze wurde sie nun direkt für jede angebotene Walze zur Herstellung benutzt.

Die Herstellung einer Goldgußwalze begann, wie gewöhnlich, mit der direkten Aufnahme einer Leerwalze aus braunem Wachs. Diese Walze wurde nicht mehr pantographisch kopiert sondern von ihr eine Gußform angefertigt. Dazu wurde die bespielte Master-Walze rotierend zwischen zwei Elektroden aus Blattgold positioniert. Zwischen den Goldelektroden wurde eine Hochspannung angelegt und es setzte sich auf der Oberfläche der Walze ein hauchdünner aber sehr homogener Goldniederschlag ab. Die Goldschicht konnte nun in einem galvanischem Bad mit Kupfer verstärkt werden. Eine weitere Anwendung von Gold erfolgt dann nicht mehr. Die Master-Walze wurde beim Herstellungsprozeß der Gußform zerstört.

Man erhielt nun eine Gußform aus Metall, von welcher man so fertige Walzen direkt gießen konnte. In der Regel wurden jedoch die von der ersten Gußform gezogenen Walzen wiederum für Herstellung weiterer Untergußformen verwendet um die benötigte Produktionskapazitäten zu erreichen.

Dank des neuen Gußverfahrens mußte nur noch eine Aufnahme für eine Serie verwendet werden. Die käuflich zu erwerbenden Walzen wurden nun also nicht mehr einzeln bespielt und trugen doch die völlig identische Rille der originalen Master-Walze. Dieses neuartige Verfahren gestatte aber auch die Verwendung einer härteren Wachsmischung, die für eine bislang notwendige Direktaufnahme nicht geeignet war. Diesem Hartwachs gab man eine schwarze Farbe und Edison brachte zeitgleich das neue Schalldosenmodel C heraus. Im Vergleich zu den Vergängermodellen besaß die C-Schalldose nicht mehr einen vollständig abgerundeten Saphir sondern einen in der Form eines querliegenden Türknaufs. Die eliptische Abstastfläche gestatte eine präzisere Abstastung des Rillenbodens was die Tonwiedergabe geringfügig verbesserte. Wesentlich maßgebender war jedoch das erhöhte Auflagegewicht in Fischschwanzform. Die bis 1904 hergestellten Edison-Goldgußwalzen besaßen noch kein Titelende sondern hatten lediglich neben dem Edison-Logo und Patenthinweis die Katalognummer in erhabenen Lettern neben der Rille verzeichnet. Ab 1904 bekamen die Walzen ein schräges Ende mit einlassener Titelinformation in weißer Schrift. Auch die Columbia Phonograph Company begann schnell nach Edison mit der Einführung eigener Gußwalzen, zunächst jedoch aus der üblichen braunen Wachsmischung, die dann etwa 1904 erst durch ein schwarzes Hartwachs ersetzt wurde. Letztlich ist die Frage noch nicht mit Sicherheit geklärt, ob die ersten Gußwalzen von tatsächlich von Edison oder doch von Columbia auf den Markt gebracht wurden.

Mit Einführung der 4-Minuten-Walze verlor die 2-Minuten-Walze nach und nach an Bedeutung und wurde im September 1912 von Edison eingestellt. Columbia hatte sich bereits 1910 aus der Walzenproduktion zurückgezogen und sich auf die durch geschicktes Marketing populär gewordene Schallplatte konzentriert.
   
Parallel zu Edison und Columbia existierten vor allem in Europa diverse andere Walzenlabels. In Deutschland waren die Marken Gloria und Excelsior besonders verbreitet, in England dagegen die Edison-Bell Company sowie die Marke Sterling Records. In Frankreich hatte sich das größte phonographische Unternehmen, die Pathé Fréres einen Namen gemacht, hatten jedoch schon 1906 mit der Walzenherstellung vollständig aufgehört - nach nur 10 Jahren.

Edison Grand Opera-Goldgußwalze, ca. 1906

Edison Grand Opera-Goldgußwalze mit blauer Schrift, ca. 1906

Gebrauch und Handhabung

Schwarze Wachswalzen sind zwar widerstandsfähiger als ihre Vorgänger aus braunem Wachs, das Material ist jedoch auch deutlich spröder und zerbricht schneller. 

Das Abspielen auf einem Phonograph sollte auch hier auf ein notwendiges Minimum reduziert werden. Insbesondere Walzen mit einer sehr großen Lautstärke neigen schnell zu Verzerrungen. Auch hier bietet sich die Digitalisierung mittels moderner Abtastsysteme mit deutlich geringerem Auflagegewicht an.

Ab einer Umgebungstemperatur von über 25°C sollten generell keine Wachswalzen auf einem Phonographen abgespielt werden, da sich die Abnutzung bei Wärme deutlich erhöht.

Für das mechanische Abspielen mit einem Edison-Phonographen darf nur eine geeignete Schalldose verwendet werden. Generell eignen sich für schwarze Wachswalzen auch die Model B-Schalldosen. Obgleich die weit verbreitete Model C-Schalldose zur Verwendung mit den Goldgußwalzen entwickelt wurde, verursacht diese eine deutlich schnellere Abnutzung der Walze. Begründet durch die Form des Saphirs werden laute Passagen regelrecht "glattgehobelt" und können nach mehrmaligem Abspielen schnell verzerren. Derartig ausgezerrte Rillen sind durch einen hellbraunen Schimmer leicht zu erkennen.

Mit wenigen Ausnahmen ist die Umdrehungsgeschwindigkeit bei Gußwalzen 160 UpM, Abweichungen sind jedoch auch möglich.

Schimmelpilzbefall auf einer schwarzen Wachswalze Ein Problem welches alle Wachswalzen betrifft ist der Befall durch Schimmelpilze. Dieser wird durch Feuchtigkeitsstau in der Walzenbox bzw. allgemeinem "Kellerklima" stark begünstigt. Problematisch ist der Schimmelbefall, weil der Pilz sich meist auf der Rillenoberfläche niedergelassen hat und sich dort vom Wachs ernährt. Dabei werden die befallenen Rillenbereiche unwiederbringlich zerstört und hinterlassen eine mikroskopische Mondlandschaft. Bei der Wiedergabe ist ein deutliches Kratzen oder Rauschen zu vernehmen. In der Regel ist der Schimmelpilz bereits abgestorben und nicht mehr wiederbelebbar. Pilzsporen sind jedoch praktisch allgegenwärtig und eine Wachswalze läßt sich auch nicht sterilisieren. Deshalb es sollte tunlichst auf allgemeines Wohnraumklima geachtet und den Walzen eine gewisse Lüftungsmöglichkeit gegeben werden, indem der Deckel einer Walzenbox nicht vollständig geschlossen wird. Alternativ bieten sich kleine Päckchen mit Feuchtfresser (sog. Silica Gel) an. Diese können mit der Walze in ihrer verschlossenen Box aufbewahrt werden und verhindern so aktiv die Feuchtigkeitsbildung. Schimmelpilzbefall erkennt man leicht an hellbraunen bis weißen Flecken (siehe Abbildung). Bei sehr starkem Befall kann auch die gesamte Walzenoberfläche einen derartigen Belag aufweisen. Bei entsprechendem Raumklima ist die Aufbewahrung einer Walze in deren Originalbox bei entsprechendem Zustand unproblematisch. Für besondere Zwecke sind auch neue Archiv-Boxen aus säurefreiem Karton erhältlich. Diese eignen aber unter keinen Umständen für den Transport.


Schnelle Temperaturschwankungen müssen auf jeden Fall vermieden werden, andernfalls führt dies schnell zu Haarrissen und somit zum wirtschaftlichen Totalschaden einer Walze. Die Rillenoberfläche darf generell bei keiner Wachswalze berührt werden. Ein hinterlassener Fingerabdruck kann mit dem Wachs über einige Wochen oder Monate reagieren und hörbare Flecke hinterlassen. Diese Flecke lassen sich dann nicht mehr entfernen.


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