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Norman Bruderhofer:
Der Walzenwegweiser

Lambert-Walzen

Rosafarbene Zelluloidwalze der Lambert Company of Chicago, ca. 1900

Im Jahr 1900 bekam Thomas B. Lambert ein Patent zugesprochen das ein Verfahren zur Massenproduktion von Walzen erlaubte. Das Grundprinzip hatte viele Parallelen zum Goldgußverfahren von Edison, welches dieser schon um 1898 intern einsetzte um mehrere Masterwalzen herzustellen. Der entscheidene Unterschied bestand aber im Walzenmaterial Zelluloid. Dies hatte bereits um 1893 Henri Lioret in Frankreich erfolgreich für Walzen eingesetzt, Lambert nutzte dieses Format jedoch erstmalig für Walzen die man auf einem üblichen Edison-Phonographen abspielen konnte. Dazu gründete er die Lambert Company of Chicago. Über wenige Jahre hinweg wurden die Farben dieser Walzen geändert: Elfenbeinweiß, Pink, Blau, Braun und Schwarz. Zunächst war der Grundstoff weißes Zelluloid welches, zur Rauschreduktion gedacht, erst nachträglich beschichtet wurde. Diese ersten Lambert-Walzen bestanden vollständig aus Zelluloid, hatten also keinen inneren Kern. Die nächste Veränderung war die Reduktion des noch recht kostspieligen Zelluloids. Dadurch wurden die Walzen dünner und entsprechend leichter.

Die recht skurrile rosa Farbe dürfte sich für den Verkauf dieser Walzen kaum vorteilhaft ausgewirkt haben, waren doch alle anderen Walzen zu dieser Zeit aus braunem Wachs und später schwarzem Hartgußwachs gefertigt. Dies mag ein Grund für den Farbwechsel der Walzen gewesen sein. In den USA wurden diese Walzen teilweise sogar recyclelt und zum Schluß mit einem schwarzen Lack beschichtet. Zwischenzeitlich wurden auch Lambert-Walzen aus vollständig braun eingefärbtem Zelluloid produziert. Der letzte Versionsstand endete in vollständig schwarzen Walzen (angeboten unter dem Namen "Ebony") von denen die späten Ausführungen einen Kern aus schwarzer Preßpappe bekamen.

Ungeachtet des technischen Erfolgs existierte die Lambert Company jedoch nur ca. sechs Jahre, denn Thomas Alva Edison war Lamberts erbitterter Erzfeind und Konkurrent und zog zur Sicherung seiner phonographischen Vormachtsstellung sämtliche juristischen Register in Form einer Vielzahl von kostspieligen Gerichtsverfahren welche er nahezu allesamt gegen Lambert verlor. Edison waren die Vorteile, vor allem die Robustheit von Zelluloid, völlig klar. Aufgrund der gültigen Patente Thomas Lamberts durfte Edison jedoch keine eigenen Zelluloidwalzen herstellen und war auch die weiteren Jahre auf sein zerbrechliches Wachs beschränkt.

Das entscheidenste Gerichtsverfahren gegen Lambert galt der inneren Form der Zelluloidwalzen. Da diese auf den konisch geformten Walzenträger eines Edison-Phonographen paßten warf Edison Lambert einen Verstoß gegen seine Patente vor. Dieser Ansicht folgte das Gericht jedoch nicht, denn die Lambert-Walzen waren innen völlig gerade, quasi hohl, und berührten den Walzenträger lediglich an beiden Enden. Eine konische Innenform bestand also nicht.

Weniger juristische Probleme zeigten sich dagegen in Europa, wo Lambert in Zusammenarbeit mit der Edison-Bell Company seine Walzen als "Edison-Bell Indestructible Records" herstellen und verkaufen ließ, sowie später auch in Deutschland durch eine Niederlassung in Hamburg.

Die gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Edison in den USA waren jedoch, trotz gewonnener Verfahren, zu kostenintensiv und trieben Lambert letztlich in die Insolvenz. Auch wenn Edison juristisch nicht gewann, so trug er auf diese Art den wirtschaftlichen Sieg davon. Erst um 1912 war es Edison erlaubt ebenfalls für seine Walzen Zelluloid zu verwenden, was er mit den "Blue Amberols" auch umgehend die Tat umsetzte.


Gebrauch und Handhabung

Lambert-Walzen sind mit praktisch jedem 2-minütigem Phonographen ohne Probleme abspielbar und benötigen normalerweise keinen extrem vorsichtigen Umgang wie Wachswalzen. Jedoch, unzerstörbar sind diese keineswegs! Insbesondere schwarze Lamberts sind sehr anfällig für Risse und brechen bei mechanischer Beanspruchung relativ leicht. Generell sollte keine Walze auf den Träger mit großer Kraft geschoben werden.

Die Abspielgeschwindigkeiten variieren in der Regel zwischen 120 und 160 UpM.

Die farbigen Walzen scheinen eine gewisse Empfindlichkeit gegen UV-Strahlung zu haben und können, wie auch Blue Amberols, ausbleichen! Daher empfielt es sich keineswegs eine dieser Walzen offen z.B. in der Vitrine aufzubewahren. Offene Walzenboxen sollten entsprechend abgedeckt werden um einen längerfristigen Lichteinfall zu vermeiden. Die Farbtöne der Walzen weichen aber auch produktionsbedingt voneinander ab. Eine gleichmäßig hell gefärbte Walze ist also kein Anzeichen für ein längeres "Sonnenbad".


Lambert-Walzen haben leider ein entscheidendes Problem: den Schrumpfeffekt. Da reines Zelluloid zu spröde ist wurde bei Herstellung Kampfer als Weichmacher zugeführt. Dieser Stoff "dünstet" jedoch stetig aus, auch nach über 100 Jahren noch. Im Ergebnis schrumpfen die Walzen und werden stetig kleiner, nicht nur in der Länge sondern auch im Durchmesser. In der Praxis hat dies zur Folge, nahezu alle dieser Walzen nur teilweise oder kaum auf den Walzenträger passen. Hier darf unter keinen Umständen Gewalt angewandt werden, da es sonst schnell zum Bruch der Walze führen kann!

Bei einer geschrumpften Lambert-Walze ohne Kern empfielt es sich die zwei Endränder von innen mit feinem Schleifpapier (600er oder 1000er) gleichmäßig zu bearbeiten. Hierbei muß mit größter Vorsicht und Sorgfalt gearbeitet werden. Dabei ist regelmäßig zu prüfen ob die Walze mittlerweile auf den Träger paßt um nicht mehr Zelluloid als nötig abzutragen. Ein Ausschleifwerkzeug wie man es für Blue Amberols verwendet darf hier unter keinen Umständen eingesetzt werden, da das angebrachte Schleifpapier viel zu grobkörnig ist. Etwa alle fünf Jahre kann es nötig sein diesem Vorgang zu wiederholen.

Einige Lambert-Walzen sind jedoch so weit geschrumpft, daß eine normale Schalldose eines Edison-Phonographen nicht mehr zur Rille reicht. In diesem Fall kann man nur ein anderes Gerät (z.B. ein Columbia Graphophone) oder ein elektrisches Abspielsystem verwenden.



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