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Norman Bruderhofer:
Der Walzenwegweiser

Amberols

Edison Amberol-Walze aus schwarzem Hartwachs von 1912

Im Jahr 1908 hatte die Schallplatte weltweit an Bedeutung stark zugenommen. Gute Marketingkampagnien und ein ausgezeichnetes Musikrepartoire hatten die Walze stark zurückgedrängt. Die durschnittliche Spieldauer einer Schellackplatte mit 25cm Durchmesser betrug in etwa 3 Minuten und somit ca. 30-45 Sekunden mehr als die maximale Spieldauer einer 2-Minuten-Walze (2 Minuten und 15 Sekunden). Dieses der Problem der kurzen Spieldauer nahm sich Edison an. Einige Jahre zuvor hatte es Columbia bereits mit einer 3-Minuten-Walze (auch 20th Century genannt) versucht, dabei aber auf ein überlanges Sonderformat gesetzt, welches passende Phonographen vorraussetzte.

Edisons Ausgangspunkt war dabei, die übliche Größe und Länge einer Standardwalze beizubehalten. Dieses Ziel erreichte er dadurch, daß die Rillendichte um das Doppelte erhöht wurde, was die Spieldauer auch entsprechend verdoppelte (viereinhalb Minuten), bei gleicher Umdrehungsgeschwindigkeit. Während eine 2-Minuten-Walze mit 100 Spuren pro Zoll (tracks per inch - tpi) auskam, hatte die neue 4-Minuten-Walze jetzt eine Rillendichte von 200 tpi. Die feinere Rille benötigte natürlich auch einen feineren Saphir und da sämtliche Edison-Phonographen mit einer untersützenden Spindelführung ausgestattet waren, war hier auch eine Umrüstung erforderlich.

Als Namen für seine neuen Langspielwalzen gebrauchte Edison das vom Amber hergeleitete Kunstwort "Amberol". Die Walzen waren ebenfalls aus schwarzem Wachs gefertigt, die Wachsmischung wich aber von der seit 1902 üblichen Variante ab und war noch härter. Dies war notwendig, um die faktisch doppelte Materialbelastung durch das gleiche Auflagegewicht bei jetzt halbsobreiter Rille auszugleichen.

Um den Kunden zum $7,50 teuren Umbau auf 4-minütge Kompatibilität zu animieren, bot Edison die jeweils modellspezifischen Teile im Set mit 10 als gratis angepriesenen Amberol-Walzen an. Das Set bestand immer aus den gleichen, vorausgewählten Titeln, die sich der Kunde nicht aussuchen konnte. Diesen Walzen wurde keine Katalognummer zugeteilt, sondern die Buchstaben A-H sowie J und K gegeben.

Die "Special"-Serie im einzelnen:
A: The Four Jacks (NY Military Band)
B: Father's Eccentricities (Murray K. Hill)
C: If I Must Say Farewell Kate, Let Me Kiss Your Lips Goodbye (Manuel Romain)
D: The Ninety and Nine (Edison Mixed Quartet)
E: Scenes that Are Brightest (H. Benne Henton)
F: Two Rubes Swapping Horses (Steve Porter and Ed Meeker)
G: Im Looking for a Sweetheart and I Think Youll Do (Ada Jones and Billy Murray)
H: Tramp! Tramp! Tramp! (Harlan & Stanley)
J: Hermit's Bell Overture (American Symphony Orchestra)
K: The Peerless Minstrels (The Peerless Quartet)

Desweiteren waren diese Walzen leicht von den einzeln erwerblichen Amberols zu unterscheiben, da sich diese in eigenen orangen Boxen und nicht in den üblichen grünen Boxen befanden.

Bei den Amberols handelte es um Edisons kurzlebigsten Walzentyp, der lediglich über einen Zeitraum von etwa 4 Jahren hergestellt wurde. Grund dafür waren auch technische Probleme mit der Haltbarkeit der Amberol-Walzen. Das benötigte härtere Wachs hatte auch den Nebeneffekt, daß die ohnehin schon empfindlichen Walzen jetzt noch zerbrechlicher waren. Auch zeigten sich bei üblichem Gebrauch und sachgerechter Handhabung relativ schnell Abnutzungserscheinungen auf der Walze, da auch das neue Wachs der Last durch den Saphir nicht so recht gewachsen war. Edison durfte jedoch erst 1912, durch Erhalt der Lambert-Patente, selbst Walzen aus Zelluloid herstellen und stellte dann die Produktion auch umgehend auf die neuen "Blue Amberol"-Walzen um.

Gebrauch und Handhabung:

Für die Amberol-Walzen ist ein geeigneter 4-minütiger Phonograph erforderlich. Vorsicht: Amberola-Phonographen sind mit Ausnahme des Modells 1A nicht für Amberol-Walzen aus Wachs vorgesehen! Eine passende Schalldose ist ebenfalls notwendig. Hierfür eigenen sich die Edison-Modell H, K, R, S und O, wobei die akustische Wiedergabe wegen der schnellen Abnutzung möglichst vermieden werden sollte. Die Wiedergabegeschwindigkeit beträgt stets 160 UpM.


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