The Cylinder Archive

Exploring the world of early recorded sound on phonograph cylinders.

Walzenwegweiser

Blue Amberols: Ein Mythos, der einfach nicht verschwinden will

von Norman Bruderhofer

Die zwischen 1912 und 1929 von der National Phonograph Company (Edison) hergestellten Blue Amberol-Walzen bestehen aus einem dünnen, blau eingefärbten Zelluloidschlauch, der fest um einen formstabilen Kern aus Gips („Plaster of Paris“) liegt (Wikipedia, „Blue Amberol Records“). Das Zelluloid sollte die Zerbrechlichkeit der älteren Wachswalzen überwinden. Ein Alterungsproblem hat die Sammlergemeinschaft jedoch mit einem hartnäckigen Modell erklärt, welches bis heute in Büchern, Texten und Foren kursiert.

Der gängige Mythos: Der innere Gipskern nehme über Jahrzehnte Feuchtigkeit auf, quelle auf und verenge damit die innere Form. Die Walze passe dann nicht mehr auf den konischen Walzenträger des Phonographen. Abhilfe sei ein Reamer, ein konisches Werkzeug mit Schleifpapier, mit dem man das Innere wieder auf Maß bringt. In schweren Fällen soll der gequollene Gips den Zelluloidmantel sogar sprengen können. Genau diese Erzählung findet sich in der Wikipedia (Artikel „Blue Amberol Records“), und auch ich bin diesem Mythos lange Zeit aufgelaufen.

Beobachten kann man einen Effekt tatsächlich, darüber bestehen keinerlei Zweifel. Die Ursache ist aber eine andere.

Was Zelluloid wirklich tut

Zelluloid ist Cellulosenitrat, dem von Anfang an Kampfer als Weichmacher beigemischt wurde, typischerweise in der Größenordnung von etwa 20 bis 33 Gewichtsprozent (Reilly 1991; Selwitz 1988). Die Kampfermoleküle sind nicht chemisch an das Polymer gebunden (Reilly 1991; King, Grau-Bové und Curran 2020). Sie können deshalb durch die Matrix wandern und bei Zimmertemperatur sublimieren, also direkt vom festen in den gasförmigen Zustand übergehen (Reilly 1991).

Konservierungswissenschaftliche Untersuchungen an historischen und künstlich gealterten Celluloidobjekten zeigen dabei denselben Befund: Der Kampfergehalt sinkt, die Masse nimmt ab, das Material wird spröde, schwindet und neigt zu Rissen (Elsässer et al. 2021; Elsässer et al. 2023). Nach einigen Jahrzehnten bzw. über einem Jahrhundert natürlicher Alterung pendelt sich der Restkampfer oft um etwa 15 Prozent ein (vgl. Elsässer et al. 2023). Der Verlust an Weichmacher erklärt die Dimensionsänderung: Das Material gibt Substanz ab und zieht sich zusammen (King, Grau-Bové und Curran 2020).

Genau deshalb sollten Blue Amberols und andere Zelluloid-Walzen nicht mit Alkohol gereinigt werden. Kampfer ist in Äthylalkohol sehr gut löslich (Reilly 1991). Alkohol zieht also den Weichmacher heraus und beschleunigt damit die seit langem laufende Versprödung. Der vertraute Kampfergeruch, der beim „Reamen“ oder unsachgemäßen Reinigen aufsteigt, ist sehr real und der flüchtig gewordene Weichmacher selbst.

Der Gipskern als Sündenbock

Daß Zelluloid auch ohne jeden Kern schrumpft, ist an den älteren Lambert-Walzen unübersehbar. Viele von ihnen bestehen vollständig aus Zelluloid. Durch den Kampferverlust werden sie in Länge und Durchmesser kleiner, sitzen oft nur noch teilweise auf dem Mandrel, müssen vorsichtig nachgearbeitet werden und neigen dennoch zum Springen beim Abspielen. Ein quellender Gipskern kann dort gar nicht die Ursache sein, weil gar keiner vorhanden ist!

Beim Gips selbst spricht die Baustoffphysik ebenfalls gegen das Bild eines über Jahrzehnte unaufhaltsam anschwellenden Kerns. Gehärteter Gips ist nur schwach hygroskopisch. Die Gleichgewichtsfeuchte im Bereich gebundener Feuchte liegt bei Raumtemperatur in der Größenordnung von wenigen Massenprozent (vgl. Adamski, Adamska und Pakowski 2018). Flüssiges Wasser kann Gips zwar in erheblichem Maß aufnehmen und dabei die Festigkeit herabsetzen (vgl. Adamski, Adamska und Pakowski 2018). Daraus folgt aber nicht, daß ein abgeschlossener, seit der Fertigung ausgehärteter Kern unter gewöhnlicher Raumluft Jahr für Jahr so stark aufquillt, daß er den Zelluloidmantel sprengt.

Dazu paßt ein praktischer Befund aus eigenem Freundeskreis: Ein Sammler, dessen Haus einen Wasserschaden hatte, berichtete, daß mehrere Blue Amberols stundenlang vollständig im Wasser standen und nach dem Trocknen dennoch anstandslos auf den Walzenträger paßten. Wäre ein dauerhaftes Aufquellen des Gipses der entscheidende Mechanismus, müßte gerade dieser Extremfall die Innenform unbrauchbar gemacht haben.

Spannung statt Quellung

Das Gesamtbild kehrt sich damit um. Der Gipskern quillt nicht und sprengt nicht das Zelluloid. Das Zelluloid verliert Kampfer, büßt Masse ein und will schrumpfen. Der starre Kern läßt das nicht zu. Es entsteht eine stetig steigende Ringspannung. Zuerst erscheinen feine Risse an den Enden, wo der Mantel dünner ist. Unter ungünstigen Bedingungen, etwa bei Kälteschock oder unsanfter Handhabung, reißt der Schlauch der Länge nach durch. Dann ist die Walze wirtschaftlich verloren. In anderen Fällen bildet der Gips selbst Risse, oder Teile von diesem fangen an zu bröckeln.

Der Reamer bleibt deshalb ein nützliches Werkzeug, jedoch unter anderem Vorzeichen. Die Innenform wird enger, weil der schrumpfende Mantel den Gips zusammendrückt, nicht weil der Gips wie ein Schwamm aufgeht. Wer das Innere nacharbeitet, behandelt ein Symptom der Zelluloidalterung, jedoch behebt er nicht die Ursache.

Das Problem betrifft alle Zelluloidwalzen. Bei kernlosen Typen zeigt es sich als freies Schrumpfen. Bei der Blue Amberol wird es gefährlicher, weil der Kern die Bewegung blockiert und die Spannung im Mantel speichert, bis das Material nachgibt. Ähnlich ergeht es auch den späteren Lambert-Walzen mit Pappmachékern.

Was bleibt?

Der Quellmythos überlebt, weil er anschaulich ist und weil selbst große Referenztexte ihn weiterreichen. Auch ich habe das viel zu lange Zeit hingenommen. Die Materialkunde erzählt jedoch etwas Unbequemeres: Blue Amberols altern von außen nach innen durch den langsamen Verlust ihres Weichmachers. Trocken, kühl, ohne Alkohol und ohne plötzliche Temperatursprünge lagern heißt, diesem Prozeß Zeit zu stehlen. Der Gipskern ist dabei weniger der Täter als die unnachgiebige Form, an der das schrumpfende Zelluloid sich selbst zerstört.

Kurz gesagt

Trocken und kühl lagern, keinen Alkohol verwenden, Temperatursprünge vermeiden. Der Reamer behandelt nur das Symptom.

Ausgewählte Quellen

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